Nachbarn hinter Stacheldraht

das Engländer Lager in Ruhleben

von Torsten Neuendorff  

'Making this life livable' hieß für die Internierten in Ruhleben ein Lied darüber zu schreiben, einen Club zu gründen, eine Zeitung herauszugeben - all das kann die Ausstellung zeigen. Für die 5000 Zivilisten im sogenannten Engländer-Lager müssen die Zustände auf der ehemaligen Pferderennbahn im Ersten Weltkrieg ein Schock gewesen sein. Eben noch wurde ihnen als englische Künstler auf der Bühne applaudiert, jetzt fanden sie sich mit Nichts und ohne Freiheiten unter Fremden, eben noch waren sie der wohlhabende britische Tourist, der Deutschland besucht, nur um einen Tag später eben dieses Deutschland für vier Jahre nicht mehr verlassen zu können.
Die Ausstellung ist ein Fest für jede/n, die/der soziologisch fragen kann. Wie organisiert sich eine Männer-Gruppe? Welche Werte werden unter katastrophalen Bedingungen hoch gehalten? Wie werden Lebensereignisse im Nachhinein konstruiert? Welche Rollen kann einer Gruppe anbieten?
Was die Ausstellung leicht zugänglich macht, ist der Umstand, dass die Gefangenen ihre Selbstverwaltung im Nachhinein nicht ohne Stolz beschrieben haben und die Erinnerung daran offenbar später gut in ihr Leben integrieren konnten. Es finden sich also vielfach Beschreibungen, die auch in eine Robinsonade oder das Leben in einer Garnison passen würden. Das spiegeln auch die Fotos - meistens geordnete Gruppen, Übersichten.
Die zivilen Insassen in Ruhleben mussten nicht um ihr Leben kämpfen, aber ihre Lebensumstände waren wie ausgewechselt. Es ergaben sich oft Konstellation á la Violonist trifft Seemann. Der anrührende Touch besteht darin, dass sie manches formvollendet taten, wie es heute nicht mehr vorstellbar wäre, von der 'flower show' bis zur 'private function.' (tn)  auch So. Mo.  Zitadelle Spandau  bis  25. November
 

 

   
 
 
 
 

Foto: Theaterwerkstatt

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